Wir haben es geschafft, eine Gesamtkirchengemeinde zu gründen.

Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir freut man sich, wie man sich freut in der Ernte.
Jes. 9,2
Wir haben es geschafft und können jubeln!
Wir haben es geschafft, eine Gesamtkirchengemeinde zu gründen.
Auch wenn (noch) nicht alle Gemeinden Karbens dabei sind, fünf Gemeinden bilden ab dem 1. Januar zusammen die Gesamtkirchengemeinde Karben.
Die Kirchengemeinden in den Ortsteilen bewahren dabei ihr Gesicht und ihren Charakter und sind doch eins miteinander. Dabei gilt der Jubel gewiss nicht dem Konstrukt „Gesamtkirchengemeinde“, das ist nicht mehr als eine Organisations- und Verwaltungsform.
Wir können allerdings über den Mut und das Vertrauen, das die beteiligten Gemeinden eingebracht haben, jubeln.
Über den Mut der Gemeinden und der Verantwortlichen in den Gemeinden, sich auf die da, die anderen, jenseits der Gemeindegrenzen, jenseits der gewohnten eigenen Gemeindebahnen einzulassen und darauf zu vertrauen, dass bei allen Unterschiedlichkeiten der Gemeinden und der Menschen in den Gemeinden ein gutes Miteinander möglich werden kann.
Damit setzen fünf Kirchengemeinden Karbens ein Zeichen.
Unsere Gesellschaft zerfällt immer mehr in kleine Einheiten, die für sich selbständig – autark – existieren. Diese Einheiten gründen sich auf „ihre“ Traditionen, „ihre“ Kultur. Sie leben „ihre“ Überzeugungen und Werte neben den Werten und Überzeugungen der anderen. So leben immer mehr kleine gesellschaftliche Gruppen gleichgültig oder konkurrierend nebeneinander her. Das Urteil über die anderen, über die da, ist dabei meist schon gefällt. Ein sich aufeinander Einlassen wird dabei unmöglich. Damit werden in der Welt und in den Gesellschaften tiefe Grenzgräben gezogen.
Mit der Errichtung der Gesamtkirchengemeinde ist trotz aller Befürchtungen, Zweifel, Ängste, Bedenken und Einwände etwas Tolles geschehen. Wir haben den Mut jeweils in den eigenen Gemeinden aufgebracht, mit den anderen, die schon manchmal ganz anders sind als wir, eine Gemeinschaft zu bilden. Damit verschwinden zunächst einmal nicht die Überzeugungen, dass die da seltsame Sachen denken und machen, dass man
sich bei denen da schon mal fragt: „Glauben die noch das Richtige?!“ Verschwinden wird erst einmal auch nicht ein gewisses Misstrauen, ob die dann doch irgendwann uns über den Tisch ziehen werden. Trotz alledem, wir haben allen Mut aufgebracht und haben denen da ein erstes Vertrauen entgegengebracht. Vertrauen haben ist ja ganz wesentlich für unser Leben. Ohne Vertrauen bleiben wir allein und isolieren uns selbst. Ohne Vertrauen können wir mit anderen gar nichts tun. Gewiss, wer vertraut, weiß zugleich nicht, ob sein Vertrauen ausgenutzt oder erwidert wird. Wer vertraut, geht ein Risiko ein. Er riskiert Niederlagen, Enttäuschungen, Zerstörung. Wer dieses Risiko nicht eingeht, kann nicht oder kaum enttäuscht werden. Allerdings wird sich da in seinem Leben auch nicht mehr viel bewegen. Bewegungslosigkeit aber ist ein Charakterzug des Todes. Vertrauen bei aller Unsicherheit heißt voranschreiten, verändern, wagen, leben. Vertrauen heißt, ich sprenge meine kleine Welt, ich hoffe, meine schlimmsten Befürchtungen werden Lügen gestraft werden.
Wenn Menschen in der Bibel von Glauben sprechen, dann meinen sie genau das. Glauben heißt Vertrauen. Und der Glaubende ist damit einer, der zu Neuem aufbricht, um die Fülle des Lebens zu finden. Dieses Vertrauen ins Leben, in diese Gottesgabe, steht uns Christen gut an. Vertrauen, Glauben ist das Ursprüngliche unserer christlichen Kultur. Und damit ist der Aufbruch in das Neue wesentlich für unseren christlichen Glauben.
Ganz am Anfang sprach Gott: „Es werde!“ Und machte damit den größten Aufbruch vom Nichts ins Sein. Mose bricht auf aus der Sklaverei in die Freiheit, von den scheinbar sicheren Fleischtöpfen Ägyptens ins Fabelland, in dem Milch und Honig fließen soll.
Jesus Christus sagt bei der Berufung der Jünger, sie mögen alles stehen und liegen lassen und ihm nachfolgen. Und die zwölf lassen
alles stehen und liegen, was ihnen gewohnt war.
Nicht nur das kirchliche Leben in Karben forderte von den Verantwortlichen ein neues Nachdenken darüber, wie wir in Zukunft Kirche sein können und werden. Die riesigen Flüchtlingsströme auf unserem Erdball, die mehr als spürund sichtbaren Klimaveränderungen, das Ersticken im Müll, die zunehmende Isolierung des Einzelnen, all das fordert von uns Menschen Bereitschaft zur Veränderung, fordert Aufbrüche und damit Vertrauen, dass es uns gemeinsam gelingen wird, Neues zu gestalten. Christen können dieses Vertrauen leben, weil sie einen Gott an ihrer Seite haben, dessen wesentliches Merkmal es ist, aufzubrechen und im Vertrauen sich mit den Menschen und seiner Schöpfung zu verbinden. Wer diesem Gott folgt, der wird am Ende jubeln und sich freuen, so wie man sich freut in der Ernte.
Euer Pfarrer Werner Giesler

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