Wie kann die Gemeinde der Zukunft aussehen?

Diese Frage beginnt für mich mit dem hebräischen Wort „Lema“. Eine Mitstudentin hat mich bei einer Bibelarbeit über Jesu letzte Worte darauf gebracht, dass das dort verwendete Wort „Lema“ nicht wie in unseren Übersetzungen „warum“ bedeutet, sondern „wozu“! Mich begleitet diese Erkenntnis bis heute: weg von der Frage „Warum ist es so gekommen?“, hin zur Frage: „Wozu geschieht das? Was ist Gottes Weg?“. Denn sie verändert die Haltung im Umgang mit dem Leben. Diese Frage stellt sich aber auch für uns als Kirche.
Derzeit erleben wir in den Kirchen dramatische Veränderungen als schmerzhaften Abschied. Über Jahrhunderte haben wir uns gewöhnt an Wachstum und plötzlich verändert sich alles: die Gemeinden werden älter, die Jungen fehlen, Gemeindegliederzahlen und finanzielle Basis brechen weg. Über Jahre gewachsene Gruppen und Kreise sind nicht mehr lebensfähig, nicht nur, weil die Leute fehlen, sondern weil sich ähnlich wie bei den meisten Vereinen und Parteien Menschen seltener über lange Zeit engagieren möchten. Und wie dort stemmen immer weniger und immer die gleichen Schultern die Arbeit. Es folgen bange Fragen nach dem „Warum?“: Liegt es an unserer Gemeinde? Liegt es an unserem Pfarrer? Dann mühen sich Mitarbeitende, Gemeinden und Pastoren bis zur Erschöpfung und ich erlebe bei meinen Visitationen Entmutigung. Dabei belegen Kirchenmitgliedschaftsstudien in Deutschland und in Europa, dass uns die Säkularisierungswelle überall trifft: nach 500 Jahren Wachstum geht es nicht mehr um Stagnation, sondern um Rückgang und damit haben wir keine Erfahrung. Da kommen leicht Vorwürfe, was alles besser zu machen sei. Aber das kann nicht alles sein! Die Frage Jesu nach dem „Lema“ ist der entscheidende Punkt: „wozu hat Gott uns diesen Acker vor die Füße gelegt?“ Wir müssen endlich aufhören über die vergangenen Zeiten zu lamentieren und jetzt diese Frage zu stellen und nicht immer nur um die eigenen Fehler, Bedrohungen und Verlust zu kreisen. Ist es nicht kleinlich vom tollen früheren Ackerboden zu schwärmen? War er das überhaupt immer? Ist es nicht wichtiger für uns als Kirche und Gemeinde die Situation zu akzeptieren? Ich bin fest überzeugt, dass uns der Gott, der uns etwas vor die Füße legt, auch Kraft und Gaben gibt. Aber das können wir erst erkennen, wenn wir vom Alten hinter uns wegschauen, auf das Neue vor uns. Dann können wir entdecken, dass Gott uns das Werkzeug schon parat gelegt hat.
Die Bartimäus-Geschichte im Markusevangelium (10, 46-52) erzählt von den drei Herzenshaltungen, die wir als Kirche haben sollen und die wir von Jesus lernen können: als hörende, als zugewandte und als befreiende Gemeinde. Sie steht bei Markus und Matthäus nach einer Rede Jesu über Dienst und Hingabe und der leidenschaftlichen Diskussion mit Johannes und Jakobus, ob sie zu seiner rechten und linken Seite sitzen dürfen. In der darauffolgenden Geschichte des Bartimäus verdeutlicht er diese Herzenshaltungen: Eine hörende Gemeinde Dann kamen sie nach Jericho. Als Jesus zusammen mit seinen Jüngern und einer großen Volksmenge Jericho wieder verlassen wollte, saß da am Straßenrand ein blinder Bettler. Es war Bartimäus, der Sohn von Timäus. Als er hörte, dass Jesus von Nazareth da war, fing er an, laut zu rufen: »Jesus, du Sohn Davids! Hab Erbarmen mit mir!« Viele fuhren ihn an: »Sei still!« Aber der Blinde schrie noch viel lauter: »Sohn Davids! Hab Erbarmen mit mir!« Wahrscheinlich hatte Bartimäus eine Familie, die ihn jeden Tag zum Betteln am Ortsausgang von Jericho an der Straße nach Jerusalem absetzte, damals wie heute eine elende Existenz. Bartimäus war auch gar kein richtiger Name, sondern eine Bezeichnung: der Sohn des Timäus. Sicher eine Demütigung für den Sohn, denn Timäus bedeutet „der Geehrte“. Bartimäus aber war eben kein Geehrter, eher ein Elender. Täglich wurde er morgens abgesetzt um wenigstens ein paar Groschen zusammenzubringen. Der Rand von Jericho war ein begehrter Wohnort, sogar König Herodes ließ dort seinen Winterpalast errichten. Für Pilgergruppen aus Galiläa war Jericho die letzte Station auf dem Weg nach Jerusalem. Ein günstiger Ort zum Betteln, weil sie dort vorübergehen mussten und gehalten waren, Almosen zu geben. Bis er eines Tages hörte, dass dieser Jesus auf dem Weg nach Jerusalem vorbeikomme. Vielleicht hatte Bartimäus Passanten gefragt oder Gespräche belauscht. Und nun geschah etwas Ungewöhnliches, fast Komisches: er begann mit ganzer Kraft zu schreien. Foto: Stephan Kuger 5 Da saß dieser blinde Bettler und schrie sich die Seele aus dem Hals. Den Menschen drum herum war das unangenehm. Dieser Bettler sollte Jesus nicht belästigen: „Sei still“. Dass dieser Bettler nicht zu Jesus durchdrang, lag ausgerechnet an den Bewunderern, die um Jesus herumstehen, denn sie wollten Jesus gerne für sich haben. Jünger verbauten Außenstehenden den Blick auf Jesus! Das ist auch in anderen Geschichten so. Bei der Heilung des Gelähmten in Kapernaum war der Weg zu Jesus so verstellt, dass ein Loch in das Dach geschlagen werden musste, um Jesus zu erreichen. Gottes Bodenpersonal steht im Weg und gerade das macht mich besonders betroffen, denn wir tun oft so, als wären wir so offen und hätten eine wunderbare Willkommenskultur. Aber oft sind wir so mit uns selbst beschäftigt, dass wir nicht hören, wer da um Hilfe schreit. Und darin unterscheiden wir uns nicht von der Welt um uns herum: der Schrei der Elenden wird abgewürgt. Wo das aber geschieht, hören wir auf, Kirche Jesu zu sein! Bonhoeffer hat es so formuliert: Kirche ist nur dann Kirche, wenn sie Kirche für andere ist: für die da draußen. Eine Wohlfühlkirche, die nur um sich selbst kreist, selbst wenn sie noch so schöne Lobpreislieder singt und noch so innige Gebete spricht, versagt, wenn das Schreien der Bedürftigen nicht mehr gehört wird. Das Salz ist ziemlich ungenießbar in Klumpen, es muss in die Welt. Deshalb loht es sich, den Blick über die Grenze hinaus in die Welt zu wagen. Es bedeutet zu schauen, was die Menschen brauchen, mit denen wir leben und nicht wegzuhören oder wegzusehen! Eine zugewandte Gemeinde Da blieb Jesus stehen und sagte: »Ruft ihn her.« Die Leute riefen den Blinden herbei und sagten zu ihm: »Du kannst Hoffnung haben, steh auf, er ruft dich!« Da warf der Blinde seinen Mantel ab, sprang auf und kam zu Jesus. Jesus fragte ihn: »Was willst du? Was soll ich für dich tun?« Der Blinde sagte zu ihm: »Rabbuni, dass ich sehen kann!« Jesus blieb stehen und in seinem „Ruft ihn her!“ war seine ganze Hilfe enthalten: sein Wissen um diese zum Himmel schreiende Existenz des Bartimäus, seine große Liebe zu den Schwachen, die mitten in der Menschenmenge den heraushebt, der es am nötigsten braucht und sein großes Vertrauen in die Verwirklichung seiner Hilfe, das ihm sein Vater gegeben hatte. Und sie riefen den Blinden und sprachen: „Sei getrost, steh auf! Er ruft dich!“ Und dann eine seltsame Frage: „Was willst du, das ich dir tun soll?“ Ist das denn nicht klar? Wissen wir nicht alle, was der Blinde will? Aber diese Frage gibt Bartimäus seine Würde wieder. Sein Leben lang war er jemand, dem etwas getan wurde, war er Objekt. Die Menschen brachten ihn und holten ihn ab, sie gaben ihm etwas, warfen ihm eine Münze zu, ohne ihn zu beachten. Und nun schaute Jesus ihn an und fragte, was er braucht. Er sagte es im nicht, sondern er fragte! Eigentlich selbstverständlich, diese Frage Jesu. Aber sie stellt auch uns bloß, wenn wir meinen zu wissen, was Menschen brauchen. Wenn wir Aktionen und Events, Einsätze und Einladungen planen. Jesus lehrt uns die Frage zu stellen, was die Menschen, mit denen wir leben, brauchen. Nicht nur unsere Gemeindeglieder, denn wenn wir weiterhin Volkskirche sein wollen, also Kirche, die für die Menschen da ist – unabhängig von ihrem Taufschein oder Kirchenzugehörigkeit – dann müssen wir auch allen diese Frage stellen. Ein Beispiel habe ich in Stendal besuchen dürfen, wo ein Ehepaar nicht nur für die beschauliche Altstadt, sondern auch für die Plattensiedlung und ihren armen Menschen ihr Herz hat und für Jesus die Menschen dort gefragt hat: „Was wollt ihr, das wir Euch tun sollen?“. Heute organisiert die Kirchengemeinde Hausaufgabenbetreuung und Mittagstisch, weil es dort oft am Monatsende nur noch Toastbrot mit Ketchup gab. Jesus will hinaus in die Welt und wir sperren ihn in unsere Wohlfühlkirchen ein. Dabei zeigt er uns in den Evangelien, dass Gottes Leidenschaft denen am Rand gilt, den Armen und Elenden, den Fremdlingen und Bedürftigen – angeblich über 2000 Mal in der Bibel! Kirche darf sich nicht so viel mit sich selbst beschäftigen, sondern hören, wenn die Elenden rufen und barmherzig sein. Die Gemeinde der Zukunft wird eine hörende Kirche sein, die Elende hört. Keine Gemeinde, kein Pfarrer oder Pfarrerin kann das für sich allein. Ich erlebe Gemeinden, die sich immer noch verschließen vor jeder Zusammenarbeit mit ihren Nachbarn, doch diese Haltung ist total unbiblisch! Wenn Paulus über den Leib Christi spricht, dann meint er nicht die Einzelgemeinde, sondern die Christenheit. Nicht jede Gemeinde ist komplett, wir brauchen einander mit unseren Gaben! Eine befreiende Gemeinde Und Jesus sagte zu ihm: »Geh nur, dein Glaube hat dich gerettet. « Sofort konnte er sehen, und er folgte Jesus auf seinem Weg.. Bartimäus, der immer nur ausgesetzt und dessen Leben von anderen abhängig war wurde gefragt: „Was brauchst du? Was willst du, dass ich dir tun soll?“ Und er bekam die Freiheit zu gehen, wohin er will. Als Folge der Heilung durch Jesus erhielt er die Freiheit, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Ich nenne diesen Aspekt nicht die „heilende“ sondern die „befreiende“ Gemeinde: „Geh nur, dein Glaube hat dir geholfen.“ Gemeinde soll ein Ort sein, wo Menschen mit ihren Wunden, den Irrwegen und Umwegen des Lebens, mit ihrer Schuld und mit der Schuld anderer an ihnen Zuflucht finden können, unabhängig vom Status ihres Glaubens. Das ist für mich Mission! Mir fällt das Henry- Martyn-Institut ein, zu dem die EKHN ein partnerschaftliches Verhältnis pflegt: Henry Martyn, der als junger Missionar nach Indien geschickt wurde, erfuhr von den Konflikten zwischen Hindus und Muslimen und dem unendlichen Leid der Menschen. Er wollte sich als Christ nicht heraushalten, stellte die Frage: „was brauchen die Menschen?“ und erfuhr, dass sie sich zunächst verstehen müssen. So begann seine Arbeit zwischen den verfeindeten Lagern, indem er eine Kita, eine Schule und eine Nähschule für Frauen einrichtete. Das war keine klassische Missionsarbeit: keine Traktate wurden verteilt, keine Predigten gehalten. Aber die Mitarbeitenden treten als Christen auf und wissen warum sie diese Arbeit tun. Heute geschieht dort das Wunder der Versöhnung und die ersten Kontakte zwischen verfeindeten Volksgruppen: Kinder spielen und Frauen reden miteinander. Es ist eine Befreiung aus der Spirale der Gewalt und des Misstrauens. Wie wird die Gemeinde der Zukunft sein? Dies hängt entscheidend davon ab, was Gott uns vor die Füße legt, ob wir uns darauf einlassen und neben der Frage nach dem „warum“ auch die Frage nach dem „wozu“ zu stellen: die „Lema- Frage“. Und dass wir die drei Haltungen des Herzens in der Nachfolge Jesu lernen: als hörende Gemeinde, als zugewandte Gemeinde und als befreiende Gemeinde!

Predigt von Propst Matthias Schmidt
zum etwas anderen Gottesdienst „Wider die Vereinsmeierei – Kirche ist für alle da“ am 28.4.19 in der Rendeler Kirche,
redaktionell überarbeitet von Stephan Kuger

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